Da liege ich nach dem Eingriff im Krankenhausbett, etwas schachmatt. „Und bleiben Sie bloß immer schön auf der linken Seite liegen! Das ist wichtig!“, hatte mich die Ärztin (war es eine Ärztin? Egal.) noch gewarnt, als man mich aus dem Aufwachraum schob.

Ich könnte jetzt schön lesen. Bin zwar noch nicht ganz wach, aber ich könnte ja langsam lesen. Das gestaltet sich schwierig mit der Kanüle im Arm und am Tropf, auf der linken Seite liegend. Weil ich den Arm ausstrecken muss, sonst läuft die Invasion nicht weiter.

Invasion? Falsches Wort. Es heißt nicht Invasion. In … In … Infusion.

Das Blöde an Krankenhausaufenthalten ist: Du bist ausgeliefert: Den Ärzten. Haben Sie mich kurz vor dem OP auch nicht versehentlich vertauscht? Dem Pflegepersonal. Sind das auch wirklich die richtigen Pillen, die sie mir ins Döschen gepackt haben? Dem Reinigungsteam. Du beobachtest, wie sie eifrig mit dem Lappen ins Badezimmer verschwinden, kurze Zeit später mit demselben Lappen über die Nachttische … Den Zimmernachbarn. Ich weiß jetzt, wie das ist: Ein bisschen dement, gehbehindert und dann abführen für eine Darmspiegelung.

Und ich liege auf der linken Seite. „Und bleiben Sie bloß immer schön auf der linken Seite liegen! Das ist wichtig!“, hat die Ärztin gesagt. Nun verstehe ich das. Und last not least ist man den Besuchern ausgeliefert. Zuhause lädt man ja ein. Oder macht einfach die Türe nicht auf. Aber im Krankenhaus nutzen manche Menschen das erbarmungslos aus, besuchen dich ungefragt und sitzen da und erzählen und erzählen. Seit der Geburt meines ersten Kindes (21 Besucher am Tag nach der Geburt) bitte ich alle darum, mich nicht zu besuchen. Manche lassen sich aber nicht aufhalten.

Sie fragen erst gar nicht. Und da man sich nicht so gut kennt, hätte ich auch überhaupt nicht mit ihrem Besuch gerechnet. Im Leben nicht. Ich habe sie erst ein paar Mal flüchtig gesehen. Und ausgerechnet dann, wenn ich auf der linken Seite liegend am Tropf hänge, kommen sie freudestrahlend zur Türe herein, lassen sich an meinem Bett nieder und erzählen und erzählen. Und erzählen.

Ich müsste mal zur Toilette. Verzweifelt schaue ich auf den Tropf, der am Bettgestell hängt und immer noch nicht leer ist. Das Flatterhemdchen habe ich auch noch an. So kann ich nicht aufstehen! Nicht vor diesen Leuten, die ich kaum kenne. Sie sind ja wirklich ganz nett. Aber ausgerechnet heute!

Jedenfalls kenne ich zwei Protagonisten aus meinem nächsten Roman nach ihren Besuchen nun etwas besser. Sie sind jeden Tag wiedergekommen, und saßen an meinem Bett und erzählten. „Mitschreiben musst du nicht!“, meinten sie. „Es geht doch erst mal darum sich kennenzulernen.“

Die Geschichte – also mein nächster Roman – wird anders als geplant, nachdem was ich nun von ihnen erfahren habe.