Das Geheimnis der Wichteltüren. Hast du auch ein Wichteltürchen zuhause?

4. Teil

Dann wurde es ruhig im Speisesaal. Vorsichtig öffnete Klemens die Wichteltür und lugte durch den Spalt. Keiner da.  Aber sie hatten wohl in der Zwischenzeit den Weihnachtsbaum aufgebaut und viele Geschenke lagen darunter. Doch was war das?

Vor seiner Wichteltür stand ein Tisch. Gerade groß genug für ihn. Und auf dem Tisch stand ein Korb mit herrlichen Köstlichkeiten. Da würde Schmeckerus aber staunen, wenn er das sehen könnte! Köstliches, duftendes Brot, Mandarinen, ein Stück Käse und eine Schüssel mit Nudelsalat und Frikadellen. Senf und Limonade. Und sogar ein Schokoladenpudding als Nachtisch! Andächtig schaute Klemens immer wieder über alle die Leckereien. War das schön ein Urlaubszuhause zu haben! Er setzte sich an den Tisch, hatte wieder dieses Ohr-zu-Ohr-Gefühl, aber langsam gewöhnte er sich daran und begann zu essen. Er war sooo hungrig, dass er tatsächlich alles aufgegessen hatte: Zuerst den Nudelsalat mit vier Frikadellen. Sein Blick fiel auf das Schüsselchen mit dem Schokoladenpudding. Das sah ja komisch aus, wie… wie … Klemens kannte keinen Schokoladenpudding. Vorsichtig nahm er das Schüsselchen und roch daran. Oh, wie das duftete!  Ganz ganz ganz schnell hatte er auch den Nachtisch verputzt. Er trank die Flasche Limonade leer, machte ein dickes Wichtelbäuerchen, stellte alles ordentlich zusammen, bevor er sich hinlegte und sofort tief und fest einschlief. Und er hörte auch nicht, als alle wieder nachhause kamen. Er hörte nicht, dass die Kinder aufgeregt vor seiner Türe standen: „Oma, schau mal. Klemens hat aaallles aufgegessen!“

„Ach du lieber Himmel“, erwiderte die Oma. „Dann muss ich ihm tatsächlich mehr zu essen hinstellen.“ So sind Omas nämlich: Wenn man alles aufgegessen hat, denken sie, dass sie zu wenig gekocht haben. Erstaunt sah sie auf dem Tisch mit den leeren Schüsseln.  „Nicht ein Krümelchen ist übrig geblieben.  Klemens isst so viel wie eine vierköpfige Familie“, ergänzte sie. Dann fing sie an zu lachen. „Wir haben tatsächlich einen besonderen Wichtel.“

Nach dem gemeinsamen Abendbrot gingen die Kinder zu Bett. Sie schliefen heute bei Oma und Opa. Zuvor hatten die Kinder gemeinsam mit Oma den Tisch für Klemens neu gedeckt, denn auch Klemens sollte sein Abendbrot bekommen. Oma hatte beim Bäcker zwei Baguettes mehr gekauft. Die hatten sie gemeinsam mit Salatblättern, Schinken, Käse, Tomaten, Gürkchen und Ei belegt.

„Mayo, Oma“, meinte Simon. „Baguettes schmecken nur mit Mayo.“ Oma lachte. Sie schnitt die Baguettes in handliche Stücke, packte sie auf einen Teller und stellte sie Klemens auf den Tisch vor die Wichteltüre. Sie packte eine Flasche Wasser dazu. „Ich hoffe, dass das reicht.“, murmelte sie. „Nicht, dass unser Klemens hungern muss.“

„Bei dir ist noch keiner verhungert“, lachte ihr Mann. „Wenn zwei Baguettes nicht ausreichen, dann weiß ich auch nicht.“ Doch seine Frau hatte keine Ruhe. Nicht, dass Klemens nachher doch noch Hunger hatte. Sie stellte ihm ein Schüsselchen Schokoladenpudding dazu, der vom Mittagessen übrig geblieben war.

Als Klemens endlich erwachte, war es mucksmäuschenstill im Haus. Alle schliefen. Vorsichtig schaute er durch die Türe. Sein Tisch war neu gedeckt. Wie lecker das aussah! Erstaunt stellte er fest, dass er schon wieder hungrig war. Wusch! saß er am Tisch und aß genüsslich ein Baguette nach dem anderen. Wichtelverflixtnochmal! Die waren aber auch sowas von lecker. Dann wischte er sich den Mund ab. Aber da stand ja noch ein Schüsselchen Schokoladenpudding. Den kannte er ja jetzt. Der war so lecker gewesen. So ein bisschen Pudding passte sicher noch in seinen Magen. Pippepappesatt schaute er vor sich hin mit diesem Ohr-zu-Ohr-Gefühl und vor lauter Glück liefen ihm die Tränen. „Ich habe die allerallerallerbeste Familie, die man sich wünschen kann“, schniefte er.  „Da hat sich gelohnt, 912 Jahre zu warten.“, Klemens war so glücklich! Sooo schön konnte also Urlaub sein! Vor allem auf der Wasserburg Anstel. Doch jetzt wollte er seinen Pflichten nachkommen und eine Kontrollrunde machen. Schließlich hatte er als Wichtel Verantwortung für seine Menschen. Dass es ihnen gut ging, dass sie eine ruhige Nacht hatten und schöne Träume.

Im Haus war es dunkel. Und alles war ruhig. Bis auf … Ja, was war das? Klemens hörte draußen vor der Haustüre ein Tuscheln und ein Wispern. Er lauschte. „Hier wohnen die Burgleute. Die haben Geld wie Heu und die haben Schmuck, viel Schmuck. Das wird sich lohnen.“, hörte er eine krächzende Stimme. Klemens lauschte, wie sie an dem Schloss der Haustüren arbeiteten. Mit angehaltenem Atem pirschte er sich leise näher. Das war fürchterlich anstrengend, denn elefantengroße Wichtel können nicht schleichen. Endlich hatte er es geschafft.

Aber die Einbrecher wohl auch. Die Haustüre ging auf und … quietschte fürchterlich. Von dem Geräusch war auch Frau Wasserburg wach geworden.

„Hans-Heinrich, hör´ mal,“ whisperte sie, „da war jemand an der Türe. Und er ist jetzt im Treppenhaus.“

Ihr Mann grunzte ein paar Mal bevor er richtig wach wurde.

„Wir haben doch jetzt den Klemens,“ murmelte er verschlafen. „Der wird sich darum kümmern.“

„Ein Weihnachtswichtel wird sich um Einbrecher kümmern?“, fragte seine Frau ihn und ihre Stimme klang sehr ängstlich.

„Nein, nicht ein Weihnachtswichtel, sondern unser Weihnachtswichtel. Dafür sind Weihnachtswichtel da, um ihre Menschen zu beschützen.“

Beide standen trotzdem leise auf, denn mittlerweile hörte man im Flur lautes Gepolter und Gerappel und Gekeuche und dann auch noch Geschrei.

„Schnell, schnell, Hans-Heinrich, du musst ihm helfen, nicht, dass unserem Klemens etwas passiert“, schluchzte die Frau.

In dem Moment hörten sie nur noch, dass die Tür zufiel und es war plötzlich ganz ruhig.

Die Frau weinte. „Unser Klemens, oh, nein, oh nein. Hans-Heinrich.“

Der lief zum Fenster und schaute auf den Hof. Schnell rief er seine Frau. Und was sahen sie da? Zwei Gestalten flogen im Eiltempo über den Hof. Ja, sie flogen. Die Frau rieb sich die Augen. „Was machen sie da?“, fragte sie ihren Mann und man konnte an ihrer Stimme noch hören, dass sie eben geweint hatte.

„Nun, es sieht so aus, als ob unser Klemens ihnen gerade das Fliegen beibringt und sie vom Hof befördert.“

Denn den Klemens konnte ja keiner sehen, Weihnachtswichtel sind ja unsichtbar. Klemens hatte sich nämlich die beidem am Kragen gepackt und beförderte sie mit schnellen Riesenwichtelschritten vom Hof. Und da Klemens unsichtbar war, sah es so aus, als ob sie über den Hof flogen. Frau Wasserburg musste leise kichern. Das sah aber auch zu lustig aus.

Die Einbrecher schrien und bettelten um Gnade. So etwas Unheimliches war ihnen noch nie passiert. Danach sind sie auch niemals wieder irgendwo eingebrochen, so gruselig war es ihnen.

Kurze Zeit später hörte man, dass die Haustür wieder aufging … quiiiietsch! … dann hörte man stapf stapf stapf und stapf stapf stapf …

„Ich bin so froh, dass wir den Klemens haben“, sagte die Frau und lächelte liebevoll. „Ich hoffe nur, er fühlt sich bei uns wohl, damit er nächstes Jahr und jedes Jahr wiederkommt.“ Das hatte der Klemens noch gehört.

Oh ja, liebe Frau Wasserburg, und ich bin so glücklich hier zu sein, dass ich unbedingt nächstes Jahr und die nächsten 912 Jahre wiederkomme, dachte er. Dann verschwand er wieder hinter der Wichteltüre, denn jetzt war er wirklich müde.

Am nächsten Tag fuhren alle zusammen zum Weihnachtsmarkt nach Rommerskirchen. Deshalb waren die Kinder über das Wochenende nach Rommerskirchen gekommen. Alle im Dorf freuten sich bereits seit Wochen darauf. Krawallus, der jetzt kein Krawallus mehr war, war auch mitgekommen. Er freute sich darauf, die anderen zu treffen.

Dort angekommen machten die Burgleute mit ihren Enkeln eine Runde über den Weihnachtsmarkt. Klemens marschierte schnurstracks zum Friesiersalon. Warum? Das wusste er auch nicht. Seine Füße machten das von ganz allein. Dort stand auch schon Pinkalila. Er riss die Augen auf. „Du bist keine Pinkalila mehr. Du bist ein Goldlöckchen“, murmelte er und fühlte wieder die Tippelschritte durch seinen Körper laufen. Sie hatte nämlich keine pinken und lila Haarsträhnen mehr, sondern den ganzen Kopf voller goldener Löckchen. „Was machst du hier“, fragte Pinkalila – also Goldlöckchen – ihn erstaunt und lächelte ihn an.

„Ich wollte dich abholen, damit du nicht alleine durch diese Menschenmenge musst.“

„Das ist aber lieb von dir!“, wisperte Goldlöckchen verlegen. „Und du bist kein Krawallus mehr. Du bist ein Großherzigus.“

Krawallus, der kein Krawallus mehr war, schaute Pinkalila, die keine Pinkalila mehr war, mit diesem Ohr-zu-Ohr-Gefühl an. „Komm, mein Goldlöckchen, lass` uns gehen.“

„Oha, was haben wir denn da?“, hörten sie eine Stimme kichern. „Ihr zwei Turteltäubchen! Scheint so, als hätten wir ein neues Wichtelliebespaar.“ Es war – wie ihr euch sicher denken könnt Kicheritius, der immer noch Kicheritius war. Zusammen gingen sie los. Schnell trafen sie auch die anderen Weihnachtswichtel. Sie verbrachten gemeinsam schöne Stunden auf dem Weihnachtsmarkt. Den Tag ließen sie am Glühweinstand ausklingen. Sie durften ja schon Glühwein trinken, denn sie waren schon über 912 Jahre alt. Die Menschen wunderten sich nur, wieso ihr Becher Glühwein immer so schnell leer war. Sie konnten ja nicht wissen, dass die Wichtel mittranken. Außer Hans-Heinrich von der Wasserburg Anstel. Der bestellte immer einen Glühwein mehr. „Für unseren Klemens“, flüsterte er seiner Frau lächelnd zu.

„Das war ein schöner Tag“, Goldlöckchen lächelte ihren Großherzigus verliebt an. „Ich komme dich nach unserem Urlaub hier wieder abholen“, meinte er. „Du wartest doch auf mich?“

„Oh ja, ganz sicher, werde ich das, mein lieber.“ Klemens beugte sich ganz ganz tief zu ihr hinunter und schnell hauchte sie ihm einen Kuss auf das linke Auge. Wichtel küssen sich nämlich immer auf das linke Auge, weil von dort aus direkt die Liebesader zum Herz führt.

„Fröhliche Weihnachten!“, murmelte er glücklich.

Die Wichtel feierten Weihnachten bei ihren Menschen. Für Klemens war es ja das erste Mal und es gab keine Minute, in der er nicht glücklich war. Alles war auf einmal so schön geworden. Er fand viele Geschenke vor seiner Wichteltüre. Eine schöne neue Decke und ein wichtelweiches Kissen, auf das sein Name gestickt war. Sogar einen Schlafanzug und eine Wärmeflasche. Ein Skatspiel und ein Mensch ärgere dich nicht. Damit seine Wichtelfreunde ihn besuchen und mit ihm spielen konnten.

Nur die Burgherrin wurde auf einmal ganz traurig. „Ach, Hans-Heinrich, muss Klemens uns denn wirklich nach Weihnachten verlassen? Kann er nicht für immer hierbleiben?“

„Ja, was denkst du denn? Er hat seine Wichtel, um die muss er sich kümmern. Das wirst du wohl nicht wollen, dass er seine Wichtelfamilie und seine Wichtelfreunde wegen uns verlässt.“

„Nein, das will ich nicht“, murmelte seine Frau.

„Wenn es ihm bei uns gefallen hat, wird er nächstes Jahr wiederkommen“, beruhigte sie ihr Mann.

Klemens saß hinter der Wichteltüre auf seinem Bett und hatte alles mit angehört. Ein klitzekleines bisschen traurig wäre er auch gewesen. Es war so schön hier. Aber er freute sich so sehr auf sein Goldlöckchen, dass er gar nicht traurig sein konnte. Immer, wenn er an sie dachte, hatte er diese Tippelschritte in seinem Körper und dieses Ohr-zu-Ohr-Gefühl.

Außerdem würde er ja nächstes Jahr wiederkommen. Wenn man schon 912 Jahre alt ist, dann ist ein Jahr schnell vorbei. Er hatte die allerallerallerbeste Menschenfamilie. Das war ganz sicher.

In der Nacht setzte er sich an seinen Tisch und schrieb ihnen einen Brief:

 

Danach machte er sein Bett, räumte alles ordentlich auf und machte sich auf den Weg nach Rommerskirchen zum Frisiersalon. Denn die Wichtel würden sich auf dem Marktplatz in Rommerskirchen treffen und von dort aus würden sie alle zusammen wieder abreisen.

 

ENDE 🙂

 

 

  1. Teil

Als der Wagen endlich wieder anhielt, lugte Krawallus vorsichtig durch die Fensterscheibe. Tatsächlich! Es war wirklich eine richtige echte Burg! Frau Mensch und Herr Mensch stiegen aus dem Auto. „Ich werde mich jetzt umziehen und als erstes die Wichteltür bauen“, klärte der Mann die Frau auf.

Die lachte. „Du wirst nie erwachsen, Hans-Heinrich!“

Krawallus setzte sich auf die Mauer vor die Burg und wartete. Es dauerte auch nicht lange und Herr Mensch kam wieder und schleppte das Holz aus dem Auto in einen Schuppen. Krawallus hatte mit angepackt und ging langsam hinter ihm her. Zwischendurch drehte der Mann sich immer wieder um und lächelte. Krawallus war irritiert. Menschen können Weihnachtswichtel nicht sehen. Wichtel sind unsichtbar. Die Menschen können es nur spüren, wenn sie da sind. Wieso lächelte er? Gerade so, als ob er ihm zulächelte.

Im Schuppen angekommen, legt der Mensch sofort los und begann zu sägen und zu hämmern. Krawallus saß auf dem Boden und schaute ihm zu.

Sollte es tatsächlich so sein, dass er das erste Mal in seinem Leben eine Wichteltüre bekäme?!

Das erste Mal, dass er nicht unter der Gillbachbrücke schlafen müsste, oder hinter dem Feuerweher-Haus. Ein Jahr hatte er bei den Fahrradständern in der Gillbachschule geschlafen und sogar mal in der Unterführung am Bahnhof.

Würde er auch endlich seine eigene Weihnachtsfamilie haben?

Vielleicht, dass sie ihm auch ab und zu eine Leckerei vor die Türe stellten?

Sich freuten, dass sie einen Weihnachtswichtel hatten. Auch wenn es ein elefantengroßer Wichtel wäre?

Es dauerte und dauerte. Schließlich richtete Herr Mensch sich auf und hob die Tür an. Krawallus wagte einen vorsichtigen Blick. Die Wichteltür war wunderschön geworden! Eine echte Wasserburg-Weihnachtswichteltür. Und tatsächlich hatte sie genau die richtige Größe.

„Na dann wollen wir die Türe mal zu seinem Platz bringen.“, meinte Herr Mensch. Schaute er etwa schon wieder in seine Richtung? Meinte er Krawallus? Weihnachtswichtel sind unsichtbar! Ob der Mensch spüren konnte, dass Krawallus da war? Der Herr Mensch ging los, über den Hof zur Wasserburg. Langsam ging Krawallus hinter ihm her. Er hatte auch dieses Mal wieder mit angepackt, damit der Mensch nicht so schwer schleppen musste. Sie stiegen die Treppe hinauf zur Eingangstür und durch die Tür in die Burg.

Krawallus wurde ein bisschen aufgeregt. Wirklich? In einer Burg? Er wollte noch nicht an sein Glück glauben, denn schließlich verbrachte er seinen Urlaub seit 912 Jahren immer versteckt irgendwo in Rommerskirchen, damit kein Weihnachtswichtel merken würde, dass es für ihn keine Wichteltüre gab. Das hier würde vielleicht wirklich sein erster richtiger Weihnachtswichtelurlaub sein!

Der Herr Mensch brachte die Türe in einem riesengroßen Saal an und lächelte zufrieden. In dem Moment kam Frau Mensch und brachte das Abendessen in den Saal. Sie begann den Tisch zu decken.

„Das ist nicht dein Ernst“, meinte sie. „Du willst nicht diese riesengroße Wichteltüre hier in den Speisesaal bringen!“

„Die Wichteltür ist bereits hier im Speisesaal. Und wo bitte soll unser Weihnachtswichtel sonst wohnen?“ erwiderte Herr Mensch lachend.

„Morgen kommen unsere Enkelkinder. Sie werden sich freuen, dass endlich ein Weihnachtswichtel auf unserer Burg Urlaub macht!“

„Ein Riesen-Weihnachtswichtel“, lachte die Frau.

„Ja, wir haben ja auch Riesenplatz!“

Krawallus hatte wieder dieses Gefühl im Gesicht. Prüfend fuhr er mit seinen Fingern über die Wangen. Er lächelte nicht. Das war viel mehr. Sein Mund ging fast von einem Ohr zum anderen. Es fühlte sich sehr schön an. Und zwar bis ins Herz hinein. Mit langsamen Schritten ging er auf die Wichteltür zu und zack! War er durch die Tür verschwunden, die mit einem lauten Knall zufiel. Erschrocken fuhr die Frau zusammen. „Was war das?“ Ihr Mann lachte. Das, meine Liebe, war die Wichteltüre. Unser Weihnachtswichtel ist gerade bei uns eingezogen. Habe ich die Türe noch gerade rechtzeitig fertigbekommen.“

Glücklich und mit einem wunderbaren Gefühl legte sich Krawallus ins Bett und schlief sofort ein. Er hörte nur noch das Gemurmel der Menschen.

„Wie heißt er denn, dein Weihnachtswichtel“, neckte die Frau ihren Mann.

„Klemens heißt er,“ erwiderte der Mann. Krawallus riss die Augen auf: Sie hatten bereits einen Namen für ihn?

„Klemens, das bedeutet, der Geduldige, der Sanftmütige. Er musste nämlich sehr lange warten, bis er endlich seine Wichteltüre bei uns bekam. Und er hat geduldig gewartet. Ich hoffe sehr, dass er uns verzeiht und ab jetzt immer zu uns kommt. Er gehört zu uns, und er ist ein sehr hilfsbereiter, großherziger Weihnachtswichtel.“ Krawallus setzte sich mit einem Ruck erschrocken im Bett auf. Er hatte sich geirrt. Der Burgherr konnte nicht ihn meinen. Geduldig, sanftmütig – das musste ein anderer Wichtel sein. Ach herrjeh, nun war er in die Wichtelwohnung von einem anderen Wichtel eingezogen. Sein Kopf sank nach unten. Es wäre ja auch zu schön gewesen. Traurig kletterte er wieder aus dem Bett und wollte sich wieder auf den Weg machen.

Herr Mensch sprach indessen weiter: „Im Wichtelland heißt er Krawallus.“

Krawallus riss die Augen auf und spitze die Ohren. Was sagte er da?

„Was wollte er auch machen? Er ist zu groß als Weihnachtswichtel, es gab keine gleichgesinnten Freunde. Alle hatten etwas Angst vor ihm. Aber nun wird sich das ändern. Er wird einen schönen Urlaub bei uns machen. Unsere Enkelkinder werden ihn lieben und er wird als anderer Weihnachtswichtel in das Wichtelland zurückkehren.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte seine Frau ihn. „Ich habe letzte Nacht von ihm geträumt. Und es tut mir sehr leid, dass ich nicht eher daran gedacht habe. Das wird ab jetzt anders sein. Das verspreche ich dir, lieber Klemens!“

Wieder hatte Krawallus … also Klemens … dieses Ohr-zu-Ohr Gefühl. Das war heute schon das dritte Mal. Sehr, sehr glücklich kletterte er wieder in sein Bett zurück und hörte nur noch, wie die Frau fragte: „Wieso hat er hier bei uns einen anderen Namen?“

„Nun, die Familien geben ihren Weihnachtswichteln auf Erden ihren Erdennamen. Und ich hoffe sehr, dass es nun unser Weihnachtswichtel ist und es auch bleibt.“, erwiderte ihr Mann.

Klemens, der Geduldige und Sanftmütige – was für ein schöner Name, dachte der Wichtel und schlief mit dem von-Ohr-zu-Ohr-Gefühl ein.

Als er am nächsten Morgen erwachte, wusste er zuerst gar nicht, wo er war. Unter der Brücke am Gillbach? Hinter dem Feuerwehrhaus? Auf dem Schulhof neben den Fahrradständern? Jedes Jahr hatte er sich einen anderen Platz suchen müssen, damit keiner merkte, dass er kein Wichtelzuhause hatte. Erstaunt sah er sich um. Dann fiel ihm alles wieder ein und zack! hatte er schon wieder dieses Gefühl im Gesicht von einem Ohr zum anderen. Er stand auf und schlich zur Türe.

Naja, ihr könnt euch ja vorstellen, wie sich das anhört, wenn ein elefantengroßer Wichtel schleicht. Und stampf stampf stampf. Und stampf stampf stampf. Er hörte Stimmen. Kinderstimmen.

„Opa! Opa! Wir haben tatsächlich einen eigenen Weihnachtswichtel auf der Wasserburg?“

„So ist es!“, schmunzelte der Großvater.

„Das ist aber eine sehr große Tür für einen Wichtel“, hörte man einen Jungen sagen.

„Das hat deine Oma auch gesagt, aber wir haben eine große Burg und wir brauchen einen großen Wichtel.“

Klemens war außer sich vor Freude. Der Mann hatte gesagt: „Wir brauchen … “

Das bedeutete, er, Krawallus wurde gebraucht und zack! hatte er wieder dieses Gefühl im Gesicht von einem Ohr zum anderen.

„Opa, ich freue mich so sehr, dass wir jetzt auch unseren Weihnachtswichtel haben“, hörte man ein Mädchen sagen. „Ein großer Wichtel braucht auch viel zu essen, oder?“

„Ja, gut, dass du mich erinnerst. Er wird hungrig sein. Er ist ja gestern erst angekommen. Wir sollten zu Oma in die Küche gehen und ihm einen Essenskorb fertig machen und vor die Türe stellen.“ Der Wichtel bekam riesengroße Augen. So war das also, wenn man seine eigene Familie hatte. Er war sehr gespannt, was sie ihm in den Korb packen würden. Er hörte an ihren Stimmen, dass sie sich entfernten und er hörte, als sie wieder zurückkamen.

„Ich möchte unserem Wichtel gerne eine warme Decke schenken“, hörte Krawallus wieder die Mädchenstimme. „Da wird er sich sehr darüber freuen, Lisa.“, erwiderte ihr Großvater. „Und ich habe etwas zum Spielen für ihn“, sagte der Junge. „Oh, ein Kistchen mit Legosteinen“, erwiderte der Opa. „Da wird sich Klemens drüber freuen.“

„Klemens? Unser Wichtel heißt Klemens?“, fragte der Junge.

„So ist es“, erwiderte der Großvater.

„Hallo Klemens, ich bin der Simon“, stellte sich der Junge vor.

„Und ich bin Lisa“, machte seine Schwester es ihm nach.

„Und ich bin der Opa von den Beiden“, hörte er den Wasserburgherrn sagen.

„Und ich bin die Oma“, hörte er eine lachende Stimme. „Ich habe ja nicht an Weihnachtswichtel geglaubt, aber jetzt weiß ich, dass es sie gibt. Und ich freue mich, dass du bei uns eingezogen bist, Klemens. Ich hoffe sehr, dir gefällt es bei uns.“

Klemens lauschte glücklich.

Er war glücklich wie noch niemals zu vor.

„So, kommt Kinder, wir fahren jetzt nach Rommerskirchen einkaufen. Bald ist Weihnachten und mir fehlen noch ein paar Sachen.“, scheuchte die Oma ihre Kinder. „Und vielleicht finden wir noch ein paar schöne Geschenke, mit denen wir Klemens eine Freude machen können.“ Den letzten Satz hatte sie geflüstert, aber Klemens hatte es genau gehört. Aufgeregt saß er auf seinem Bett. Ob das bei allen Wichteln so war? So schön? Schließlich hielt er es vor lauter Freude nicht mehr aus und er begann aufgeregt hin- und herzulaufen, dann verwandelte sich das laufen in hüpfen und schließlich tanzte er in seinem Zimmer hinter der Wichteltür wie nur überglückliche elefantengroße Weihnachtswichtel tanzen können.

Stampf – stampf – stampf und hüpf – hüpf – hüpf und stampf – stampf – stampf und hüpf – hüpf – hüpf

Nächsten Sonntag geht es weiter!

Das Foto hat mir Nadine Seraphin zur Verfügung gestellt. Lieben Dank noch einmal dafür!

 

2. Teil

Endlich war es soweit. Der große Tag der Abfahrt war gekommen. Sie hatten Glück! Es schneite dicke, dicke Schneeflocken. Auf Schneeflocken reisen war immer ein bisschen schöner, als auf den Nebelschwaden hinunterzurutschen oder gar mit unsichtbaren Booten durch den Regen. Ein echter Weihnachtswichtel liebt die Schneeflocken. Krawallus musste warten, bis eine besonders dicke Schneewolke an ihm vorbeiglitt, aber dann war auch er soweit.

Das war gar nicht so einfach den Weg ohne Navi zu finden. Viele Weihnachtswichtel flogen einfach drauf los und ließen sich überraschen, wo sie schließlich landeten. Aber die meisten wollten ihren Weihnachtsurlaub bei „ihrer“ Familie verbringen. Dort, wo sie jedes Jahr Urlaub gemacht hatten. So wie diese Wichtel hier, die flogen schon seit 912 Jahren nach Rommerskirchen, als Rommerskirchen noch Rumeschirche hieß. Sie waren auch im Wichtelland bekannt als Gillbacher Weihnachtswichtel. Und sie waren sehr, sehr stolz darauf die Gillbacher Weihnachtswichtel zu sein.

Bumm! Mit einem dicken Plumps landete Krawallus geradewegs auf dem Rommerskirchener Marktplatz. Eine Gruppe Frauen und Männer standen dort, diskutierten, liefen aufgeregt hin und her. Er konnte sie sehen, aber sie ihn nicht. Er stand auf und ging näher, um zu hören, worüber sie redeten.

„Das schaffen wir nicht, wir brauchen jemanden, der stark genug ist, um diese Balken zu bewegen.“ Ratlos schauten sie auf die schweren Hölzer. „Wir könnten es wenigstens versuchen“, meinte ausgerechnet der Kleinste von ihnen und versuchte einen der Balken anzuheben. „Pack mal mit an.“

Das konnte niemals klappen! Krawallus schüttelte den Kopf. Menschen!, dachte er nur, stapfte zu den schlappen Würstchen, packte den Balken und hob ihn hoch. Gerade so als ob es ein Streichhölzchen wäre. Erstaunt sahen die beiden Männer, wie sich der Balken hob und er erschien ihnen plötzlich federleicht. Sie konnten nicht wissen, dass Krawallus mit angepackt hatte. Wichtel sind ja unsichtbar für die Menschen. Sie marschierten los und zack! war der Baumstamm an richtiger Stelle. „Das habt ihr toll gemacht“, staunten die anderen. Krawallus fühlte etwas in sich hochsteigen, das er bisher nicht kannte. Er fühlte sich sooo gut. Und er murmelte: „Baumstämme heben macht ein schönes Gefühl.“

„Ach, Krawallus, das liegt doch nicht an dem Baumstamm“, hörte er eine leise Stimme neben ihm und danach ein Kichern. Tatsächlich! Das war Kicheritius.

„Das war aber sehr lieb von dir“, wisperte Kicheritius. „Sehen wir uns am Sonntag zum Weihnachtsmarkt. Bist du dann auch hier?“

Krawallus nickte. Das war erste Mal, dass ein Weihnachtswichtel so nett mit ihm sprach. Wo sollte er auch sonst sein? Er wusste ja eh nicht, wo er bleiben sollte. Vor allem musste er sich überlegen, wo er jetzt einen trockenen Unterschlupf für die Nacht finden könnte.

„Ich muss schnell weiter. Gleich wird die OGS in der Gillbachschule geschlossen. Bis dahin muss ich eingecheckt haben. Sonst gibt das heute nichts mehr. Ciao und einen schönen Wichtel-Urlaub! Wir sehen uns!“ Er winkte noch und dann war er auch schon um die Ecke gedüst.

„Hallo Krawallus“, hörte er neben sich ein zartes, schüchternes Stimmchen. Was war denn heute los? Da stand tatsächlich Pinkalila vor ihm und war ganz aufgeregt. „Ich muss mich beeilen. Ich muss doch in den Frisiersalon. Aber ich traue mich nicht durch diese Menschen hindurch.“ Verzweifelt sah sie ihn an.

„Ich bringe dich hin“, murmelte er und stupste sie vorsichtig an, dass sie los ging. Zaghaft setzte sie einen Fuß vor den anderen. Wie eine Fee, dachte Krawallus und fühlte sich ein bisschen verzaubert. So gingen sie nebeneinander her: tipp tipp tipp und stapf stapf stapf, tipp tipp tipp und stapf stapf stapf … Schnell hatten sie ihr Ziel erreicht.

„Dankeschön, Krawallus, du hast mich gerettet“, säuselte sie. Krawallus fühlte ein Gefühl, als ob PinkalilasTippleschritte durch seinen Körper liefen: tipp tipp tipp und tipp tipp tipp. Wieso waren alle auf einmal so freundlich zu ihm? Im Wichtelland war das ganz anders.

„Du bist so … so … so … nett,“ sagte Pinkalilia zu ihm und zögerte kurz bevor sie weitersprach. „Im Wichtelland bist du ganz anders.“ Dann lächelte sie ihn an und Krawallus fühlte wieder die Tippelschritte in seinem Bauch. Tipp tipp tipp und tipp tipp tipp. Sie winkte ihm noch einmal zu und wusch! war sie durch die Tür …

Krawallus lächelte. Erstaunt fasste er sich mit der Hand ins Gesicht. Das fühlte sich ja eigenartig an. Aber schön. Er hatte nämlich noch nie gelächelt und kannte dieses Gefühl gar nicht. Er murmelte vor sich hin: „Über den Marktplatz gehen macht fröhlich.“

„Was redest du denn da?“, kam es plötzlich von weiter rechts. Diese Stimme kannte er doch. Sie gehörte Schmeckerus.

„Sag mal, seid ihr alle hier auf dem Marktplatz gelandet?“

„Ja, klar, du bist doch als letzter auf die riesengroße Schneewolke gestiegen und in deinem Sog hast du uns überholt und alle mitgerissen“, lachte Schmeckerus.

„Du hast da Mayonnaise am Mund“, sagte Krawallus. „Wo hast du die bloß so schnell herbekommen?“

„Na, ich war gerade schon an der Pommesbude. Ich musste doch direkt anfangen mit meiner lukullischen Rundreise. Aber du, mein Lieber … ich habe dich beobachtet. Es ist nicht so, dass es fröhlich macht, wenn man über den Marktplatz geht. Es kommt immer … immer … immer … darauf an, mit wem zusammen geht. Und wenn man anderen helfen kann, macht das auch glücklich.“ Er lächelte ihm zu. „Mach es gut, alter Junge. Wir sehen uns sicher zum Weihnachtsmarkt. Da bist du doch auch hier!“ Krawallus hob nur die Hand zum Gruß. Er war so müde. Es wurde jetzt wirklich Zeit, dass er sich auf den Weg machte und für die Nacht ein sicheres Plätzchen suchte.

Er schaute zu der Gruppe Frauen und Männer hinüber.

„Komm, wir gehen in die Feuerwehr und sehen mal nach, ob wir wenigstens noch ein paar Dinge für den Weihnachtsmarkt bereitstellen können.“, sagte einer von ihnen. Das war wohl der Oberwichtel unter den Menschen. Krawallus lief neben ihnen her. Wo sollte er auch sonst hin? Und stapf stapf stapf und stapf stapf stapf … Bei jedem Schritt vibrierte der Boden ein bisschen. Wieder einmal wurde Krawallus bewusst, dass er kein zarter Weihnachtswichtel war. Er polterte sogar lauter als der größte und stärkste von den Männern. Und stapf stapf stapf und stapf stapf stapf. Er seufzte traurig.

Ein Mann und eine Frau kamen ihnen entgegen. Der Mann hatte einige Holzlatten unter dem Arm.

„Was willst du bloß wieder mit dem Holz?“, nörgelte die Frau. „Immer kannst du alles gebrauchen.“

„Ich baue daraus eine Wichteltür für den Weihnachtswichtel.“, erwiderte der Mann fröhlich.

Krawallus stolperte fast, so abrupt blieb er stehen. Die Frau war auch stehen geblieben.

„Sag mal, du Kindskopf! Du glaubst auch noch an Weihnachtswichtel. Außerdem sind die echten Wichteltüren klein. So klein, dass man sie an den Fußleisten befestigen kann. Du hast aber Holz für ein Gartentor.“ Der Mann lachte.

„Ja, ich glaube noch an Weihnachtswichtel. Und da wir auf einer großen Wasserburg wohnen, brauchen wir eine große Wichteltür. Bei uns wird ein großer Wichtel einziehen. Ich spüre das.“

Die Frau lächelte. „Du und deine verrückten Ideen.“ Sie waren bei einem großen Auto angekommen. Der Mann lud das Holz auf die Ladefläche und dann stiegen sie ein. Krawallus überlegte nicht lange. Dort musste er hin. Er war der alllerallerallereinzigste große Wichtel. Das würde vielleicht sein Urlaub werden. Auf der Wasserburg! Er rannte los und sprang auf die Ladefläche – gerade noch rechtzeitig bevor der Wagen losfuhr. Der Wagen machte einen Ruck! Die Frau zuckte zusammen: „Was war das?“ Fragend sah sie ihren Mann an.

„Nun, ich schätze mal, das ist der Weihnachtswichtel, der eben auf die Ladefläche geplumpst ist.“ Er lachte. Und seine Frau lachte ihn aus. „Ja, ja, du und deine Geschichten.“

 

1. Teil

Es war einmal …

… in einem Dorf in der Nähe von Köln, in Rommerskirchen am Gillbach. Es war Winter, der Dezember nahte und die Weihnachtswichtel suchten sich eine Unterkunft, in der sie den letzten Monat des Jahres, also die Adventszeit, verbringen würden. Jedes Jahr fuhren die Weihnachtswichtel in ihren Jahresurlaub hinunter in die Menschen-Welt. Alle freuten sich auf diese Zeit, denn es war der einzige Zeitpunkt, wo sie auf die Erde durften.

Nur damit ihr versteht, was das für sie bedeutete. Das wäre so, als ob du vier Wochen in Disneyland Paris verbringen würdest oder im Phantasialand oder an dem schönsten Ort, den du dir vorstellen kannst.

Buchstabius wollte zu Lehrer Schnepf ins Bücherregal ziehen. Dort könnte er die ganze Adventszeit hindurch ungestört lesen. Das würde ein Spaß! Er liebte Bücher und lesen war sein Hobby. Deshalb hieß er auch Buchstabius. Lehrer Schnepf hatte genau die Bücher in seinen Regalen, die Buchstabius interessierten. In seinem letzten Urlaub hatte er 12,79631 Bücher geschafft.

„Und ich, ich, ich …“ stotterte Buchwurmina aufgeregt, „… ich werde auch bei den Büchern Urlaub machen. In der Bücherei in Rommerskirchen.“ Sie seufzte glücklich. „Ach, was ich mich freue! Sie haben so eine feine Auswahl. Das ist wie  … wie … wie ein Buffet. Jawohl, ein Bücherbüffet. Da kann ich lesen, was auch immer ich will.“

Weihnachtswichteline Pinkalila wollte in den Frisiersalon. Sie würde den Friseuren bei der Arbeit zusehen und nachts alle neuen Styles heimlich ausprobieren. Jedes Jahr war sie gespannt, welche Frisuren in diesem Jahr angesagt wären, und welche Farben. Letztes Jahr war es lila und pink gewesen. Stolz war sie mit ihren pinken und lila Strähnen aus dem Urlaub zurückgekehrt und wurde von den anderen Wichteln bewundert. Prompt hatte sie einen neuen Namen bekommen. Das war nämlich so bei den Wichteln, dass sie im Wichtelland neue Namen erhielten, wenn sich etwas an ihnen änderte.

Auf der Erde war das anders. Da bekamen sie von den Menschen typische Menschennamen und die wurden auch nicht mehr geändert. In der Welt der Menschen hieß sie Ludmilla.

Die Frau und der Herr Friseur Schmitz und ihre Kinder warteten jedes Jahr sehnsüchtig, ob Ludmilla zu ihnen zurückkehren würde und begrüßten sie immer mit den gleichen Worten: „Hallo Ludmilla, wir freuen uns, dass du wieder da bist und wünschen dir eine schöne Zeit.“

Sie ließen sich auch täglich etwas Neues einfallen, um Ludmilla eine Freude zu machen. Da stand eine winzigkleiner Minikuchen vor der Wichteltüre. Am Morgen gab es köstliche frische Brötchenkrumen mit Leberwurst.  Ein anderes Mal hatte sie bunte kleine Ufos vor ihrer Türe gefunden. Es waren jedoch nicht wirklich Ufos, sie sahen nur so aus. Sie waren etwas klebrig, wenn man sie länger in der Hand hielt und dufteten süß. Vorsichtig hatte Ludmilla sich die Finger abgeleckt. Dann war sie so neugierig geworden, dass sie vorsichtig in das Ufo (das ja keines war) hineinbiss. Und dann … diese Geschmacksexplosion! Sie waren gefüllt mit köstlicher Schokolade. Schokoladendragees waren das. Smiertas oder so ähnlich.

Die Kinder von den Schmitzes setzten sich oft vor die Wichteltüre, erzählten Geschichten und sangen Weihnachtslieder … Der Urlaub wurde für Ludmilla von Jahr zu Jahr schöner, denn die Familie hatte täglich eine neue Überraschung, um ihr eine Freude zu bereiten. Mittlerweile hatte sie sogar eine kleine Parkbank vor ihrer Wichteltür. Sie hatte eine klitzekleine Laterne und auch ein kleiner Schlitten stand bereit, falls es schneite. Bei Familie Frisör konnte man wirklich gut Urlaub machen.

Die Mutter hatte nämlich beim ersten Mal zu ihren Kindern gesagt: „Ui, schaut mal, wir haben ein Wichteltürchen. Eine kleine Wichteline ist bei uns eingezogen. Lasst uns dafür sorgen, dass sie einen wunderschönen Urlaub bei uns verbringt, damit sie nächstes Jahr wiederkommt.“ Es war nämlich so: Wenn die Familie gut zu seinem Weihnachtswichtel war, kam der Wichtel jedes Jahr wieder. Erst, wenn die Familie ihn vergaß, suchte er sich im nächsten Jahr eine neue Familie.

„Wie heißt sie denn?“, hatten die Kinder damals gefragt.

„Das ist Ludmilla, und sie ist jetzt unser Weihnachtswichtel.“ Pinkalila wusste schon, dass die Menschen ihren Wichteln Menschennamen gaben. Das ist das erste, was die Wichtel im Wichtelreich in der Schule lernen. Sie werden dort vorbereitet auf ihren Urlaub im Menschenreich. So war Pinkalilia zu der Friseursfamilie gekommen. Und so war sie jetzt eben deren Weihnachtswichteline Ludmilla.

Ludmilla liebte ihren Namen. Buchstabius, der ziemlich viel wusste, hatte ihr verraten, was dieser Name bedeutete: Ludmilla – die vom Volk geliebte. War das nicht wunderschön? Ludmilla bzw. Pinkalila war ins Träumen geraten. Doch es dauerte noch ein paar Tage bis zur Abfahrt. Sie verscheuchte ihre Gedanken und konzentrierte sich wieder auf die anderen Weihnachtswichtel.

„Und du, Kicheritus, hast mal wieder keinen Plan.“, zogen einige Wichtel den Kleinsten von ihnen auf. Mit gesenktem Kopf hatte er ihnen zugehört. Immer war er der Doofe, ständig wurde er geärgert.

Krawallus hatte damit angefangen. Die anderen Wichtel hatten gelacht, weil sie nämlich Angst vor Krawallus hatten. Deshalb hieß er auch so. Weil er immer Krawall machte, also Ärger und es war ungemütlich mit ihm. Krawallus war kein hübscher Wichtel. Er war für einen Weihnachtswichtel … zu groß, zu laut … seine ganzen Bewegungen waren wie bei einem Elefanten. Nun sind Elefanten ja schöne Tiere und werden geliebt. Als Elefanten. Aber könnt ihr euch einen Weihnachtswichtel vorstellen, der wie ein Elefant daherkam? Das passte nicht zusammen. Vielleicht war Krawallus deshalb so wie er war.

Der klitzekleine Weihnachtswichtel hatte ein bisschen Angst vor ihm.

Krawallus stapfte währenddessen aufgeregt mit schweren Schritten hin und her. Wenn die Wichtel merken würden, dass er noch gar keine Idee hatte, wo er seinen Weihnachtswichtel-Urlaub verbringen könnte! Jedes Jahr das gleiche Problem! Er war so groß und so grob. Und er passte durch keine Wichteltüre. Aufgeregt und auch ein bisschen unglücklich begann er zu keuchen. Die anderen Weihnachtswichtel hielten erschrocken die Luft an. Das war ein schlechtes Zeichen, wenn Krawallus anfing zu keuchen. Sie mussten ihn ganz schnell besänftigen. Aber wie?

„Iiiiich wette, du verbringst deinen Weihnachtswichtel-Urlaub an einem gaaaanz besonderen Platz!“, begann Schleckerus. Er war – wie der Name schon sagte – ein Schleckermaul. Er konnte den ganzen Tag essen.

„Ich“ … und er betonte, dieses Wort, damit alle zu ihm schauten und nicht mehr zu Krawallus … „Ich werde dieses Jahr meinen Urlaub aufteilen. Ich mache eine Rundreise“, sagte er und guckte dabei ganz cool. Keiner von ihnen hatte jemals eine Rundreise gemacht. Ehrfürchtig schauten ihn alle an. „Eine Kreuzfahrt?“, fragte einer. „Mit der Aida? Auf dem Gillbach?“

„Nein, sowas doch nicht! Eine schöööne Rundreise!“, erwiderte Schleckerus. „Man kann sagen: eine lukullische Rundreise!“ Stolz hob er die Schultern und schaute erwartungsvoll in die Runde.

„Was ist denn Lukull-Licht?“, fragte der jüngste unter ihnen. Sein Wichtelvater klärte ihn auf:  „Lukullisch mit `sch` am Ende bedeutet, dass es sich um ganz besonders köstliches Essen handelt. Eine gute Wahl also, lieber Schleckerus. Ich gehe davon aus, dass du uns nach deinem Urlaub viel berichten kannst über die lukullischen Genüsse im Gillbachland.“

Schleckerus war sehr stolz über dieses Lob. Er würde sich anstrengen und ganz ganz ganz ganz vieles in Rommerskirchen probieren, damit er als Wichtel-Feinschmecker zurückkäme.

In der Zwischenzeit hatte Krawallus Zeit gehabt zum überlegen. Alle, wirklich alle, hatten so tolle Ideen. Und er? Wieso gab es nur Platz für kleine Wichteltüren? Keiner wollte einen großen elefantösen Weihnachtswichtel bei sich aufnehmen. Er seufzte. Aber so leise, dass es niemand hören konnte. Wenn die anderen wüssten! Er wollte gar nicht so sein, wie er war. Aber es fing damals damit an, dass er schneller gewachsen war als alle anderen. Dazu kam, dass ein Wichtel schnell und flink ist wie eine Rennmaus. Das war er nicht. Er war ein Elefant. Auch seinen Namen mochte er nicht. Aber er konnte es nicht ändern. Er war nicht so wie die anderen und würde es niemals werden. Er würde immer Krawallus sein. Eine kleine Träne kullerte aus seinem Auge. Schnell und beschämt wischte er sie weg, bevor die anderen es bemerkten.

„Na, Krawallus, an welchem besonderen Ort wirst du deinen Weihnachtswichtelurlaub verbringen,“ wiederholte plötzlich einer der Wichtel. Krawallus schaute in die Runde in die erwartungsvollen Gesichter der anderen: „Ich … werde euch berichten, wenn ich zurück bin“, erwiderte er geheimnisvoll, drehte sich um und ging weg.

Erstaunt sahen sie Wichtel hinter ihm her. Dieser Geheimniskrämer! Er hatte es ihnen nicht verraten. Sie wendeten sich dem kleinen Kicheritius zu und fragten: „Und du, kleiner Kicheritius?“

Kicheritius reckte sich und streckte sich, hob das Kinn und sagte mit fester Stimme: „Ich werde euch berichten, wenn ich zurück bin.“ Dann drehte er sich schnell um und ging weg in dieselbe Richtung, in die Krawallus verschwunden war. Allerdings mit klitzekleinen Weihnachtswichtelschritten. Er musste kichern, nachdem er ihre erstaunten Blicke gesehen hatte. Was war das für eine schöne Antwort gewesen! Man konnte von Krawallus doch etwas lernen.

Jedenfalls, Kicheritius, der kleinste Wichtel von ihnen, er wusste genau wo er hinwollte: Er würde zu den fröhlichsten Kindern ziehen. Das würde ein Spaß! Bis hier oben im Weihnachtswichtel-Land hörte er ihr Lachen, ihre fröhlichen Stimmen. Immer, wenn er sie lachen hörte, hüpfte er und stampfte er und drehte sich im Kreis: Hüpf-hüpf-hüpf und stampf-stampf-stampf und dreh-dreh-dreh. An manchen Tagen war ihm ganz schwindelig, so oft hatten sie gelacht. Der kleine Wichtel liebte das, und das war der Grund warum er ins Gillbachland immer zu den Kindern wollte. Das würde er allerdings nicht verraten. Nicht, dass noch ein anderer Weihnachtswichtel mitkommen wollte!

Und hüpf-hüpf-hüpf und stampf-stampf-stampf und dreh-dreh-dreh.

Nächsten Sonntag geht es weiter.